CfP Diagnosen von Gewicht

Call for Papers (Mai 2013)
Diagnosen von Gewicht (Arbeitstitel)
Wir beabsichtigen einen Sammelband zur Kritik an psychischen Diagnosen herauszugeben, der
voraussichtlich 2014 im Münsteraner Verlag edition assemblage erscheinen soll.

Warum dieser Sammelband?
Mit der nunmehr fünften und kurz vor Veröffentlichung stehenden Version des DSM (Diagnostic
and Statistical Manual of Mental Disorders) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung APA und der geplanten Neuauflage des ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation WHO, die beide die Grenzen dessen ausdehnen werden, was als psychisch krank gilt, schreitet die Psychopathologisierung der Gesellschaft weiter voran. Formulierten zu Zeiten der Alten Antipsychiatrie noch die außerparlamentarische Linke und die ihr verbundenen Psychiater_innen eine radikale Kritik an der Institution und ihrer Diagnosen, findet eine Diskussion heutzutage eher im bürgerlichen Mainstream statt, deren Kritik sich jedoch beschränkt auf die Skandalisierung der aktuell in den Katalog aufgenommenen Diagnosen und den Interessen der Pharma-Industrie. Mit der Reformierung der psychiatrischen Verwahranstalten in weichere Formen wie die Sozialpsychiatrie sind zudem Teile der damaligen antipsychiatrischen Forderungen umgesetzt und wirkt heute eine radikalere Kritik an der Institution anachronistisch. Müsste deshalb eine antipsychiatrische Kritik auf der Höhe der Zeit nicht schon viel früher ansetzen als erst mit der Einweisung in die Psychiatrie und stärkeres Gewicht auf die Diagnosen als solche legen? In diesem Sinne soll der geplante Sammelband zum einen eine grundsätzlichere Diagnosenkritik aktualisieren, die nicht erst die derzeitigen Auswüchse als kritikwürdig begreift, und die gesellschaftlichen Voraussetzungen psychischer Diagnosen adäquat hinterfragen. Zum anderen soll er für ein Thema sensibilisieren, das von der linken Gesellschaftskritik in der jüngeren Vergangenheit vernachlässigt worden ist.

Artikelvorschläge
Leitende Fragestellungen der Beiträge könnten lauten:
– Welche gesellschaftliche Funktion kommt psychischen Diagnosen (historisch) zu („Dialektik der Diagnosen“)?
– Was verraten die aktuellen Diagnosen des DSM-V über den Zustand bürgerlichkapitalistischer Gesellschaften („Kritik der bürgerlichen Diagnosenkritik“)?
– Wie sieht die Diagnosenkritik innerhalb der Disziplin der Psychologie selbst aus („Kritische Psychologie“)? In welchem Verhältnis standen und stehen Antipsychiatrie und Kritische Psychologie?
– Welche soziale Gruppen wurden in der Vergangenheit und werden heutzutage mithilfe welcher Diagnosen vom psychologisch-psychiatrischen Apparat erfasst? Welche aktuellen Verschiebungen finden momentan statt („Pathologisierung durch Jobcenter“)?
– In welchem Funktionszusammenhang steht die Psychiatrie mit anderen sozialen Verwahranstalten wie die des Strafvollzugs?
– Welche Diagnosen konnten in der Vergangenheit aus welchen Gründen abgeschafft werden und welche Diagnosen stehen heutzutage zur Diskussion?
– Welche Funktion übernehmen Diagnosen für die eigene Identitätsbildung über die Funktion einer äußeren Fremdzuschreibung hinaus („Kritik der Identitätskonstitution durch Diagnosen“)?
– Wie kann ein emanzipativer Umgang mit psychischem Leiden aussehen?

Die aufgeworfenen Fragen sind keineswegs vollständig und lediglich als Anregungen zu verstehen. Auch gibt es noch kein fixes Konzept, sodass wir explizit dazu einladen, eigene Ideen anzubringen. Worauf wir allerdings bei der Auswahl der Artikel wertlegen, ist einerseits eine herrschaftskritische Reflexion des methodischen Zugangs und der eigenen gesellschaftlichen/beruflichen/Betroffenen-Positionierung im jeweiligen Themenfeld. Andererseits die Bereitschaft, mit uns gemeinsam am jeweiligen Artikel zu arbeiten, sofern das für die inhaltliche Ausrichtung des Sammelbandes nötig scheint.

Einsendung von Abstracts
Um die inhaltliche Ausrichtung eines Beitrags besser einschätzen zu können, bitten wir bis zum 30.07.2013 um die Einsendung einer halb- bis einseitigen Skizze, die das Thema erläutert und den methodischen Zugang reflektiert an: diagnosen-von-gewicht@web.de.

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